Dienstag, 22. Januar 2013

Fortsetzung / Ein Camorra-Pate packt aus!

Ein Bericht von Roberto Saviano
- aufbereitet von Claudio Michele Mancini -



Einst war Maurizio Prestieri einer der großen Bosse der Camorra in Neapel. Neuerdings arbeitet er mit der Justiz zusammen.


FORTSETZUNG 2

Ich versuche, Maurizio Prestieri etwas über Deutschland zu entlocken.
»Für uns war Deutschland Drogenabsatzland«, sagt er.
Ich erkläre ihm, dass die Deutschen sich nicht vorstellen können, wie sehr ihr Land von der Mafia durchsetzt ist.
»Das weiß ich sehr gut. Man darf nicht zu viele Leute kaltmachen, vor allem keine Deutschen, und nicht allzu sehr bei der Justiz anecken, ansonsten kann man in Deutschland prima arbeiten.«



Treffen der Mafiabosse in Karlsruhe


Seltsamerweise haben die Deutschen erst nach der Schießerei von Duisburg begriffen, dass die Mafia in ihrem Land existiert, und dennoch meinen sie, das sei ein italienisches Problem. Doch weit gefehlt. Die Mafia in Deutschland ist weniger ein öffentliches als ein wirtschaftliches und finanzielles Problem.
»Die Türken sind für uns entscheidend«, meint Prestieri und lächelt wissend. »Die haben ein sehr gutes Heroinnetzwerk. Wir haben von denen Heroin bekommen und sie von uns Koks. Doch über Investments und Beziehungen in Deutschland darf ich nicht reden, das unterliegt alles dem Untersuchungsgeheimnis bei den italienischen Behörden.«
Prestieri schwärmt von dem erstklassigen Waffenmarkt in Deutschland.
»Ich kann mich noch gut an eine total verrückte Begebenheit in Düsseldorf erinnern, das muss irgendwann nach 2002 gewesen sein. Zwei meiner Leute fahren nach Düsseldorf, um eine Bazooka zu kaufen.«
Prestieri erzählt mir, dass seine Männer jahrelang in Deutschland unterwegs waren und das Land wie ihre Westentasche kannten.
(Originalzitat!) »Die treffen ihre Kontaktmänner, einen Türken und einen Slawen, und fahren in die Pampa außerhalb der Stadt, um die Waffe zu testen; sie trauen den beiden nicht und lassen sich auch bei der Handhabung nicht reinreden: Der Erste legt sich die Bazooka auf die Schulter und drückt ab – nichts. Dann versucht es der Zweite – wieder nichts. Dann geht plötzlich ein Schuss los, allerdings nicht nach vorne. Sie haben die Waffe falsch herum gehalten, und die Granate schlägt in ein Häuschen ein, in dem zwei alte Leute wohnen. Zum Glück waren die beiden gerade nicht zu Hause, sonst hätte es ein Blutbad gegeben.« Maurizio Prestieri lacht! »Die deutschen Behörden haben die Sache nicht an die große Glocke gehängt, genauer gesagt, sie haben eine Nachrichtensperre verhängt. Anderenfalls hätten wir den Staatsanwalt umgelegt!«

Für die Mafia ist Deutschland ein bequemes Land, denn bisher gibt es kaum Maßnahmen gegen sie. Hier gelten andere Abhörregeln als in Italien: Das Trauma der staatlichen Kontrolle ist noch zu lebendig.
»In Deutschland fühlen wir uns sehr wohl. Das große Geld kann die Mafia nur machen, wenn die Politik mitspielt - so wie in Deutschland. Das sagt Maurizio Prestieri mit einem süffisanten Unterton.«

Zwei Dinge stehen für einen italienischen Boss fest: Der Mensch hängt am Geld und am Leben. Hängt man weder am einen noch am anderen oder macht zumindest den Eindruck, es nicht zu tun, ist man bereits auf dem besten Weg zum Anführer. Man lernt, vor nichts mehr Angst zu haben. Genauso war Prestieri. Er warf das Geld zum Fenster hinaus: Keiner seiner Anzüge kostete weniger als zehntausend Euro, und – so betont er – sie hatten Stil.
»Ich kann mich noch genau an das teuerste Abendessen meines Lebens erinnern. Wir aßen in einem Fischrestaurant, mit Champagner und dem ganzen Zauber. Zwölftausend Euro haben wir verprasst.«



Filippo Zonta - verhafteter Mafia-Pate grüßt freundlich in der sicheren Gewissheit,
bald wieder auf freiem Fuß zu sein.


Prestieri war auch im neapolitanischen Jetset zu Hause. Schauspieler, Sänger, Fußballer. Der Schlüssel zu allen Türen war Koks.
»Einmal habe ich haufenweise Stoff in die Villa eines neapolitanischen Schauspielers geliefert, und alle haben sich an mich rangeschmissen. Ich war mit sämtlichen Bonzen der Stadt per Du, dabei ist das Viertel, aus dem ich komme, für die der letzte Dreck. Aber das weiße Pulver, das ich von da mitbrachte, fanden alle super.«

Er verzockte Unsummen am Spieltisch. Er war bei allen Spielern bekannt, vor allem Baccara hatte es ihm angetan.
»Einmal stand ein Ferrari auf dem Spiel. Es war allein die Lust am Gewinnen, schließlich hatte ich schon drei Ferraris. Plötzlich gewann ein anderer Neapolitaner sieben Mal in Folge. Und in einer Minute war ich den Ferrari und eine Million Euro los.«

Tausende solcher Kasinogeschichten gibt es. Am Spieltisch lernt man, Geld rauszuschmeißen und alles wie ein riesiges Roulette zu betrachten, man fühlt sich stark und verwegen, weil man vor aller Augen Summen verspielt, die dem Jahresgewinn ganzer Konzerne entsprechen. Alles wollen sie mit Geld kaufen, auch Frauen.

»Zur Saisoneröffnung hatte ein Kasino mal das schönste und bekannteste italienische Showgirl eingeladen. Die war ständig im Fernsehen, auf allen Kanälen. Mein Assistent war total verrückt nach der. Also sag ich ihm: »Biete ihr 50.000 Euro, und die geht mit dir ins Bett.«»Glaubst du echt, O’sicco?«»Na klar, hau schon ab und nerv mich nicht«, sage ich.
Er trabt also los und kommt ganz niedergeschlagen wieder. »Ich hab mich voll in die Scheiße gesetzt! Als ich ihr das Geld angeboten habe, hat sie mich angewidert angeguckt und gesagt: Tun Sie das nicht noch mal!«Ich sag zu ihm: »Du musst ihr Jetons zeigen, sonst glaubt die, du bluffst. Los, die Sache geht auf mich. Gib ihr 100.000 Euro in Jetons.«Nach einer Weile kommt er freudestrahlend zurück. »O’sicco, sie hat angenommen!«Dann haben wir weitergespielt. »Weil wir eine Glückssträhne hatten«, erzählt er grinsend weiter,
»hatte sich eine wunderschöne Russin neben ihn gesetzt, plötzlich war das Showgirl vergessen. Aber weil das Geld versprochen war, ist er zu ihr aufs Zimmer und hat sich einen blasen lassen. Der teuerste Blowjob, den er je hatte.«


Prestieri kehrt in die Gegenwart zurück. »Heute bin ich stolz, meine Kinder aus allem rausgehalten zu haben, und weiß Respekt zu schätzen, der nicht erzwungen ist. Früher, wenn ich in unserem Viertel mit dem Auto unterwegs war, haben mich die Leute angehalten und ihre Autos umgeparkt, damit ich meinen Wagen abstellen konnte. Ich hab mir für zwenzig Millionen ein Haus gebaut. Ist ziemlich schön geworden. Nicht eine dieser geschmacklosen Buden voller Gold und Nippes. Dann hab ich überlegt, dass ich mir von demselben Geld ein Haus in der Mailänder Innenstadt oder an der Spanischen Treppe hätte kaufen können. Stattdessen hab ich mein Domizil mitten in Secondigliano errichtet. Aber so ticken wir Camorristi nun mal. Dableiben, das Leittier sein. Hier im Norden, wo ich jetzt lebe, grüßt mich mein Nachbar und lädt mich und meine Frau zum Essen ein. Er hat schließlich keine Ahnung, wer ich bin. Das weiß niemand mehr, und darüber bin ich froh.«

Es ist mein letztes Treffen mit Maurizio Prestieri, er erzählt mir, wie die Mafia die Wahlen beeinflusst. »Die Camorra hat zigtausend Wählerstimmen in der Hand. Je größer die Politikverdrossenheit und das politische Desinteresse, desto mehr Stimmen bedeutet das für uns. Wir hatten es nicht nur auf die Kommunalpolitik, sondern wir haben dabei auch nach Rom gesehen.«


Fortsetzung folgt...